Noweda Spiegel 04 / 2016 - page 26

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Kritik und Perspektiven
Probleme der gesetzlichen Rahmenbedingungen für Apotheker und der voraussichtliche Wandel des
Gesundheitsmarktes waren Themen beim Wirtschaftsforum des DAV.
Beim 53. Wirtschaftsforum des Deutschen Apotheker-
verbandes (DAV) am 27. und 28. April 2016 in Berlin
wurden die aktuellen Marktentwicklungen zulasten
der Apotheker kritisch beleuchtet. Der DAV-Vorsitzende
Fritz Becker prangerte vor allen Dingen die seitens der
Regierungskoalition gewünschte Deckelung des prozen-
tualen Apothekenhonorars an. Als ein weiteres Problem
thematisierte er die Reimportklausel. Am besten sei es,
diese ganz zu streichen, da sie unübersichtliche Beschaf-
fungs- und Vertriebswege begünstige, wodurch wiederum
Fälschungen erleichterten Zugang zum Markt fänden.
Als positiv ist aber aus Sicht des DAV zu bewerten, dass die
Koalition eine verbesserte Honorierung der Abgabe von
Rezepturen und Betäubungsmitteln fordert. Becker wies
in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die derzeitige
Vergütung von dokumentationspflichtigen und Rezeptur-
arzneimitteln keineswegs angemessen sei.
Was beschäftigt die Apotheken 2026?
Einen interessanten Blick nach vorne erlaubten die Aus-
führungen des Zukunftsforschers Sven Gábor Jánszky
anhand einer Studie von Michael Carl und Hannes Dölle.
Der Patient im Zentrum seines persönlichen Gesundheits-
netzwerkes: Das ist ein Bild, das Jánszky in seinem Vortrag
zeichnete.
Als wesentliche Herausforderung kommender Jahre
identifizierte er die Tatsache, dass zahlreiche neue
Anbieter aus unterschiedlichem Kontext in den Gesund-
heitsmarkt strömen: von Sportartikelherstellern über die
Nahrungsmittelindustrie bis hin zum Berater, der mittels
intelligenter Endgeräte die Bewegungen des Kunden
auswerten und Empfehlungen geben kann.
Hinzu kommt, was Mediziner und Apotheker heute bereits
aus ihrem Alltag kennen, künftig aber nicht mehr als
„gefährliches Halbwissen“ abtun sollten: Verbraucher
informieren sich umfassend – und das oft schon vor der
ersten Konsultation des Arztes oder Apothekers. Heil-
berufler sollten dieses Phänomen ernst nehmen, denn
daraus ergibt sich eine neue Form der Konkurrenz. Zum
einen, weil sich die Beratung in der Apotheke am vorher
bereits eingeholten Informationsstand messen lassen
muss, zum anderen, weil der Apotheker zunächst dafür
sorgen sollte, in der digitalen Welt als Experte wahr-
genommen zu werden. Sonst läuft er Gefahr, auch im
echten Leben übersehen zu werden. Investitionen in IT-
Maßnahmen und kontinuierliche Fortbildungen gewinnen
daher deutlich an Bedeutung, während die Frage nach
Standort und Einrichtung der Offizin in den Hintergrund
rückt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein weiterer
Trend, von dem die Zukunftsforscher sprechen: die „Deva-
luation des Expertentums“. Überspitzt gesagt: Wer nicht
vom Experten zum reinen Verkäufer degradiert werden
möchte, muss selbst digitale Assistenten nutzen, um über
seine Kunden, deren Gewohnheiten und Kenntnisstand
informiert zu sein, muss aber zusätzlich auch noch einen
Service anbieten, der über die Leistung elektronischer
Hilfen hinausgeht. Das kann zum Beispiel über eine gute,
spezialisierte Vernetzung mit anderen Anbietern aus dem
Gesundheitswesen geschehen, denn daraus kann für den
Kunden Mehrwert geschaffen werden.
Eine Chance für Apotheker ergibt sich daraus, dass sich zu
den Begriffen Gesundheit und Krankheit künftig noch der
der „Optimierung“ hinzugesellt. Im Wunsch, immer besser
und leistungsfähiger zu sein, wird künftig nicht nur Krank-
heit kuriert, sondern die Gesundheit mit allen verfügbaren
Mitteln gepusht. Es ist davon auszugehen, dass nicht jede
dieser Entwicklungen mit dem gegenwärtigen Selbst-
verständnis klassischer Heilberufe zu vereinbaren ist.
WISSEN UND HANDELN · JULI/AUGUST 2016
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