Mittwoch, 27. Dezember 2017 09:35 Uhr

Apothekerhonorar: Studie verdeutlicht dringenden Anpassungsbedarf - Apotheken fehlen 3,5 Milliarden Euro

In der aktuellen Studie „Apotheken – Von der Politik vergessen?“ untersuchte der Diplom-Mathematiker Uwe Hüsgen, Experte für wirtschaftliche Bewertungen des Apothekenmarktes, inwieweit der Gesetzgeber seiner Verpflichtung aus § 78 des Arzneimittelgesetzes gerecht wird, die da lautet: „Die Preise und Preisspannen müssen den berechtigten Interessen der Arzneimittelverbraucher, […] der Apotheken und des Großhandels Rechnung tragen; zu den berechtigten Interessen der Arzneimittelverbraucher gehört auch die Sicherstellung der Versorgung […].“ Auftraggeber der Analyse ist die NOWEDA Apothekergenossenschaft eG mit Sitz in Essen.

Die wirtschaftliche Rentabilität zahlreicher Vor-Ort-Apotheken ist in Deutschland nicht mehr gegeben. Um das objektiv und transparent darzustellen, analysierte Hüsgen die Entwicklung des Apotheken-Rohertrags im Zeitraum von 2004 bis 2016. „In den vergangenen 13 Jahren stieg der Apothekenrohertrag lediglich um 0,85 Euro – von 7,20 Euro auf 8,05 Euro – oder um 11,9 % je verschreibungspflichtigem Fertigarzneimittel“, bringt Hüsgen das Ergebnis seiner Studie auf den Punkt.

Damit sich die Entwicklung des Apothekenrohertrags im definierten Zeitraum besser einordnen lässt, verglich Hüsgen die Entwicklung unter anderem mit Kennzahlen aus der Volkswirtschaft. Das Ergebnis: Im Gegensatz zum deutlichen Anstieg des Verbraucherpreisindexes (+18 %) und des Nominallohnindexes (+25,8 %) hinkt die Entwicklung des Apothekenrohertrags (+11,9 %) deutlich hinterher. Seit 2013 ist zudem eine Stagnation des Apothekenrohertrags zu beobachten.

Die größte Steigerung beim Kennzahlenvergleich im Gesundheitswesen erreichten die Netto-Verwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen, die je Versichertem von 2004 bis 2016 um 33,2 % angestiegen sind. Bei der Verteilung in der gesamten Wertschöpfung werden die gesetzlichen Krankenkassen demnach überdurchschnittlich hoch bedacht. Diese Ungleichverteilung liest sich umso erstaunlicher, da die 113 gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland von Januar bis September 2017 Überschüsse in Höhe von 2,5 Milliarden Euro erwirtschaftet haben. Eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums bestätigte im November gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), dass die Rücklagen aller Krankenkassen bis zum Ende des dritten Quartals 2017 auf den neuen Rekordwert von 18,6 Mrd. Euro gestiegen sind.

Die wirtschaftlich schwierige Lage vieler Apotheken ist nicht etwa da-raus abzuleiten, dass es in Deutschland zu viele Apotheken gäbe. Ganz im Gegenteil: Mit 24 Apotheken je
100 000 Einwohnern liegt die Apothekendichte in Deutschland deutlich unterhalb des europäischen Durchschnitts von 31 Apotheken je 100 000 Einwohner. Tatsächliche Ursache für die angespannte Wirtschaftslage vieler Apotheken ist vielmehr die mangelnde Anpassung des Honorars an die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung. Nimmt man nur den Nominallohnindex als Maßstab für eine angemessene Steigerung, sind den Apotheken seit 2004 rund 3,5 Mrd. Euro Honorar vorenthalten worden. Dies entspricht rund 168.000 Euro pro Apotheke. Alleine im Jahr 2016 beträgt die Unterfinanzierung rund 34.000 Euro je Apotheke.

Diese Schlechterstellung der Apotheken verwundert vor allem vor dem Hintergrund, dass Apotheken massiv zur Verringerung der Arzneimittelausgaben der GKV beitragen: Apotheken übergeben die Zuzahlung der Patienten an die Krankenkassen; sie sind maßgeblich an der erfolgreichen Umsetzung der zwischen Krankenkassen und Herstellern geschlossenen Rabattverträge beteiligt und sie leiten den gesetzlichen Rabatt der Arzneimittelhersteller an die Krankenkassen weiter, ohne von diesen Leistungen zu profitieren. Der erhebliche bürokratische Mehraufwand wird nicht vergütet, obwohl die Leistungen der Apotheken maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die Krankenkassen allein im Jahr 2016 um rund 9 Mrd. Euro entlastet wurden.

Die Politik ist dringend gefragt, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um der Verpflichtung aus § 78 des Arzneimittelgesetzes gerecht zu werden und um damit die akut gefährdete, flächendeckende Versorgung der Bevölkerung auf Dauer sicherzustellen.