Dienstag, 02. Mai 2017 13:46 Uhr

Arzneimittelversorgung gefährdet – Apotheken in der Region leiten rechtliche Schritte gegen DocMorris ein

Nur 48 Stunden nach Eröffnung des ersten DocMorris-Apothekenautomaten am 19. April 2017 im baden-württembergischen Hüffenhardt ordnete das Regierungspräsidium die Schließung an. Nach kurzfristigem Einreichen einer Klage will DocMorris über den Automaten bis zur gerichtlichen Klärung zumindest rezeptfreie Arzneimittel (OTC) weiterhin abgeben. Drei Apotheker aus der Region wollen das nicht akzeptieren und haben mit Unterstützung des apothekereigenen, genossenschaftlich organisierten Großhandelsunternehmens NOWEDA nun ihrerseits rechtliche Schritte gegen DocMorris wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz und die Apothekenbetriebsordnung eingeleitet. Sie sehen in dem Angebot die regionale Arzneimittelversorgung bedroht und damit die Sicherheit der Patienten gefährdet.

Die NOWEDA erkennt in dem Vorgehen von DocMorris offensichtliche Rechtsverstöße und kritisiert die Argumentation des niederländischen Konzerns als wenig plausibel. Man wolle mit dem neuartigen Angebot eine Versorgungslücke in Hüffenhardt schließen, gab DocMorris auf Nachfrage von Regional- und Fachmedien an. Diese Versorgungslücke gibt es faktisch jedoch nicht. Zwar wird in dem Ort, in dem rund 2 000 Menschen leben, keine Apotheke mehr betrieben. Jedoch versorgen die 7 km entfernte Rock-Apotheke zur Ludwigssaline in Bad Rappenau und die 5 km entfernte Apotheke Haßmersheim in Haßmersheim die Hüffenhardter Bevölkerung – wie es das Gesetz für solche Fälle vorsieht und typisch für eine ländlich geprägte Region wie diese ist – mittels Rezeptsammelstelle. Rezepte können nach dem Arztbesuch in eine Art Briefkasten eingeworfen werden – die Patienten werden dann von den beiden Apotheken noch am selben Tag zu Hause mit dem apothekeneigenen Botendienst beliefert. Darüber hinaus sind alle umliegenden Apotheken selbstverständlich auch telefonisch erreichbar und bringen die nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel oder Hilfsmittel auf Nachfrage ebenfalls per Botendienst nach Hause.

Apotheker Thomas Grzesiak, Stadt-Apotheke in Neckarbischofsheim, Apothekerin Beate Rock, Rock-Apotheke zur Ludwigssaline in Bad Rappenau, und Apothekerin Dagmar Schäfer, Schildwach-Apotheke in Epfenbach fordern nun die Schließung des Automaten. „DocMorris versucht hier bewusst, unter Verstoß gegen geltendes Recht Fakten zu schaffen und aus reinen Profitinteressen die Umsätze der umliegenden Apotheken auf sich zu ziehen“, erklären die Apotheker. „Das wird auch funktionieren, denn ein Automat benötigt vor Ort kein ausgebildetes Personal und hat daher ganz andere Kostenstrukturen als eine richtige Apotheke, die der Bevölkerung einen umfassenden Gesundheitsservice bietet. Dabei sind gerade Land-Apotheken auf ausreichende Umsätze angewiesen, um die wichtigen, aber nicht gewinnbringenden Gemeinwohlpflichten zu ermöglichen.“ Zu den genannten Gemeinwohlpflichten zählen Nacht- und Notdienste, die Anfertigung individueller Arzneimittel, z. B. für Säuglinge und Kleinkinder, sowie die Abgabe von Betäubungsmitteln, etwa für schwerkranke Schmerz- und Krebspatienten. Hinzu kommen aber auch die psychosoziale Komponente durch die persönliche Hinwendung zum Patienten sowie die direkte Kommunikation mit behandelnden Ärzten.

Zu berücksichtigen ist zudem, dass die örtlichen Apotheken anders als ausländische Arzneimittelversender für regionale Wertschöpfung stehen. Sie bieten familien- und frauenfreundliche Arbeitsplätze, zahlen Steuern in ihren Gemeinden, unterstützen Vereine und soziale Einrichtungen, arbeiten mit anderen Unternehmen vor Ort zusammen und tragen so dazu bei, attraktive Klein- und Mittelzentren zu erhalten.

Die Apotheker betonen, dass die Abzüge dieser Umsätze durch den niederländischen Arzneimittelversandriesen mittelfristig die Existenz ihrer Apotheken bedroht. Auch die NOWEDA kritisiert, dass die Schließung von Apotheken für DocMorris und ähnlich strukturierte finanzstarke Arzneimittelversender ein großer Vorteil ist. „Sind die heute gut funktionierenden Apothekenstrukturen erst einmal unwiederbringlich zerstört, könnte tatsächlich ein Bedarf nach Apotheken-Automaten entstehen, der heute nicht vorhanden ist. Im Hinblick auf eine qualitativ hochwertige, menschliche, sichere und schnelle Arzneimittelversorgung ist das ein klarer Rückschritt, der insbesondere ältere und schwerkranke Menschen sowie Familien betrifft; für den niederländischen Arzneimittelversender jedoch ein lukratives Geschäft mit Expansionspotenzial“,
so Dr. Michael P. Kuck, Vorsitzender des Vorstands der NOWEDA.

„Erschreckend ist vor allem die rücksichtslose Vorgehensweise von DocMorris. Da werden wirtschaftliche Interessen einfach ohne Rücksicht auf geltendes Recht und bestehende, gut funktionierende Versorgungsstrukturen durchgesetzt. Für DocMorris scheint das hier der Wilde Westen zu sein“, so die Apotheker. „Das können wir nicht zulassen. Wir müssen jetzt für die Interessen unserer Patienten einstehen und handeln.“

DocMorris gehört zum Schweizer Versandhandelskonzern Zur Rose, der das Unternehmen 2012 für 25 Millionen Euro erworben hat. Hinter Zur Rose steht unter anderem die saudische Investorengruppe Al Faisaliah.