Kontakt

Apothekennetz als Sicherheitsfaktor

© Robert Poorten

Während der Covid 19-Pandemie stellten Apotheken und pharmazeutischer Großhandel nicht nur ihre Systemrelevanz, sondern auch ihre enorme Leistungsfähigkeit unter Beweis. Um auch für künftige Notfälle vorbereitet zu sein, müssen Apotheke einerseits in die institutionelle Krisenvorsorge eingebunden sein, anderseits auch selbst Vorsorge treffen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten des Forschungs- und Beratungsunternehmens May-Bauer im Auftrag der NOWEDA.

Apotheken und der pharmazeutische Großhandel versorgen jeden Tag Millionen Menschen. Sie garantieren, dass dringend benötigte Medikamente verfügbar sind und alle Patienten erreichen – egal, wo sie leben. Möglich wird das durch ein flächendeckendes, wohnortnahes Apothekennetz. Trotzdem gehören die meisten Apotheken nicht zur kritischen Infrastruktur, weil sie die formalen Kriterien nicht erfüllen. Dazu zählt die Abgabe von 4,65 Millionen Packungen verschreibungspflichtiger Arzneimittel pro Jahr. Das entspricht der Versorgung von 500.000 Menschen. Anforderungen, die auf Apotheken in der Regel nicht zutreffen. Der vollversorgende Großhandel erreicht dagegen diese Schwelle. Die Apotheke wird damit faktisch nicht als kritische Anlage eingestuft. In Katastrophenschutzplänen kommen Apotheken daher nur sporadisch vor. Tatsächlich können Apotheken aber wichtige Aufgaben übernehmen, um andere Stellen zu entlasten. 

Vorratspflichten von Apotheken und Großhandel
Auf diese Widersprüchlichkeit weisen die Autoren des Gutachtens „Apotheken als Teil der krisenrelevanten Infrastruktur“ hin. Sie beziehen sich vor allem auf die Sicherstellungsaufträge der Apotheken und des pharmazeutischen Großhandels für die Arzneimittelversorgung, die auch im Krisenfall gelten. So müssen öffentlichen Apotheken Arzneimittel für eine Woche und der pharmazeutischen Großhandel für zwei Wochen vorrätig halten. Damit hätten Apotheken und der pharmazeutische Großhandel bedeutsame staatliche Aufträge und müssten dementsprechend in der Krisenvorsorge berücksichtigt werden. 

Eigenes Notstromnetz
Doch wie resilient sind die Apotheken selbst? Sind sie im Notfall überhaupt handlungsfähig? Laut Gutachten ist die Stromversorgung entscheidend für die Betriebsbereitschaft der Apotheken. Eine autarke (Not-)Stromversorgung ist aus Sicht der Autoren daher dringend nötig. Tatsächlich verfügen die wenigsten Apotheken über eine solche Absicherung. Ein weiterer Schwachpunkt der Apotheke könnte ausgerechnet die vielbeschworene Digitalisierung sein. Sie erleichtert den Arbeitsalltag der Apotheken-Teams, weil viele Prozesse automatisiert und optimiert sind. Allerdings hat sich dadurch auch die Anfälligkeit für Störungen massiv erhöht. Die Gutachter empfehlen daher Apotheken und Großhandel, sich die eigene Verantwortung bewusst zu machen und aus eigener Initiative Vorbereitungen zu treffen. 

Flächendeckendes Apothekennetz
Die größte Stärke der Apotheke im Katastrophen- und Krisenfall ist ihre Erreichbarkeit und Dezentralität. „In allen Betrachtungen erweist sich das flächendeckende Netz der Apotheken als herausragender Beitrag zur Krisenresilienz in der Arzneimittelversorgung“, betonen die Autoren. „Ein dezentrales Versorgungskonzept stellt einen eigenen Wert dar, weil lokale Netzwerke nicht erst im Krisenfall aufgebaut werden müssen, sondern bereits bestehen.“  Allerdings nimmt die Anzahl der Apotheken stetig ab. Was bedeutet das für die Versorgung im Krisenfall? Unter dem Aspekt der Krisensicherheit ist die fußläufige Erreichbarkeit entscheidend. Mit Blick auf die Krisenresilienz empfehlen die Autoren, regelmäßig zu überprüfen, welcher Anteil der Bevölkerung mehr als 60 Minuten Fußweg zur nächsten Apotheke hat. „Für die Versorgung mit Apotheken kann dies mancherorts bedeuten, Apotheken auch dort zu erhalten, wo dies im Normalfall nicht unbedingt erforderlich, aber immerhin nützlich wäre“, so das Fazit.