Nahrungsergänzungsmittel sind ein Wachstumsmarkt - auch dank des Megatrends Longevity. Im Interview erklärt Gabriele Baur vom Marktforschungs- und Analytik- und Beratungsunternehmen IQVIA, welche Substanzen im Fokus stehen, warum Apotheken bei der GenZ nicht die erste Wahl sind, und wo die Chancen beim Thema Prävention liegen.
Longevity ist in aller Munde, und die Bereitschaft in die eigene Gesundheit zu investieren, ist groß. Wer profitiert von diesem Trend?
„Longevity“ ist mehr als ein Schlagwort. Tatsächlich ist es ein ganzheitliches Konzept, das mentale und physische Gesundheit, Wohlbefinden sowie das persönliche Umfeld miteinbezieht. Um dies einzuordnen, haben wir aus unserer Produktstudie IQVIA Consumer Report Apotheke fünf Produktkategorien analysiert, die mit Longevity in Verbindung stehen (s. Grafik). Das sind klassische Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine und Mineralstoffe, Schlafmittel und Stimmungsaufheller, Präparate aus dem Bereich Herz-Kreislauf, Magen-Darm-Produkte und das Thema Haut. Die Produkte werden in Apotheken, im Versandhandel und im Massmarket, also Drogerien und Supermärkte angeboten. Alle diese Segmente profitieren vom Longevity-Trend, die höchsten Zuwachsraten verzeichnen jedoch Supermärkte und Drogerien.
Was bedeutet das konkret?
Drogerien und Supermärkte haben mittlerweile einen Umsatzanteil von 22 Prozent, Versandapotheken erreichen 25 Prozent. Mit 54 Prozent liegen die stationären Apotheken immer noch vorne. Aber man muss sich bewusst machen, dass Longevity-Produkte im Supermarkt und in der Drogerie im Vergleich zur Apotheke etwa die Hälfte kosten. Das heißt der Anteil der Käufer ist tatsächlich wesentlich höher. Insgesamt wuchs der Longevity-Markt im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent. Splittet man das Ganze auf, ergibt sich ein differenziertes Bild: Der Massmarket wuchs um plus 14 Prozent vs. Vorjahr, der Versandhandel um plus 12,7 Prozent, während die stationären Apotheken nur ein Wachstum von 5,4 Prozent erzielen konnten. Die Online-Apotheken sind die größten Konkurrenten der Apotheken, aber tatsächlich werden sie im Longevity und OTC-Bereich ganz allgemein von Drogerien und Supermärkten stark bedroht.
In welcher Produktgruppe wird die Veränderung besonders deutlich?
Sehr interessant ist der Bereich der Schlafmittel und Stimmungsaufheller. Vor zwei, drei Jahren begann der Hype um Melatonin, der in den Apotheken zu einem regelrechten Boom geführt. Melatonin-Produkte wurden zu Lifestyle-Produkten und haben den Markt insgesamt gepusht. Inzwischen hat sich der Umsatz mit Melatonin-Artikeln von den Apotheken hin zu Drogerien und Supermärkten verschoben. Und das ist vor allem ein Preisthema. Das führt dazu, dass Apotheken in diesem Bereich erstmals ein Minus von 1,1 Prozent verzeichnen, während der Massmarket um 14 Prozent (Versandhandel plus 4,4 Prozent) gewachsen ist.
Ein komplett anderes Bild ergibt sich im Bereich Skincare…
Mit einem Umsatzanteil von 70 Prozent stehen die stationären Apotheken auf dem ersten Blick ausgezeichnet da. Die persönliche Beratung und die Möglichkeit, Produkte vor Ort zu testen, kommen offenbar gut an. Der Markt insgesamt ist um 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gewachsen, bietet also Potenzial. Dennoch verzeichnen die Versandapotheken mit plus 10,6 Prozent den größten Zuwachs.
Gibt es im Zusammenhang mit Longevity Trend-Substanzen?
Ja. Omega-3-Fettsäuren sind ein Beispiel dafür. Dieser Bereich ist zwar nicht sehr groß, dafür aber stark wachsend – und das nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig. Omega-3-Produkte liegen absolut im Trend. Das gilt auch für Magnesium, das ohnehin ein Umsatzgarant ist. Der Magnesium-Trend wird auch von neuen Kombiprodukten, etwa mit Melatonin, angetrieben. Weitere große Bereiche sind Vitamine, insbesondere Vitamin D. Dann auch die Probiotika. Es handelt sich um Präparate, die in Apotheken zu den Klassikern zählen. Daneben gibt es aber auch Trend-Substanzen, die in der Apotheke keine Rolle spielen.
Welche Substanzen sind das?
Dazu gehören beispielsweise das Antioxidans Astaxanthin und die auch als Anti-Aging-Moleküle bekannten Spermidine und Senolytika, die gezielt den körpereigenen Abbau von gealterten und funktionsunfähigen Zellen unterstützen sollen. Diese Substanzen werden online, speziell auf Social Media extrem promotet. Diese Trends werden momentan von Apotheken nur begrenzt aufgegriffen. Das ist schade, denn gerade hier könnten Apotheken ihre Beratungskompetenz voll ausspielen.
Sie sprechen die Beratung an. Liegt im OTC-Bereich die Chance für die stationäre Apotheke?
Die Apotheke steht für Kompetenz und Beratung. So wird sie wahrgenommen. Allerdings zumeist nur im Krankheitsfall. Jeder weiß, dass Apotheken hochkompetent sind und eine tolle Beratung bieten. Aber im Kopf ist das Bild Krankheit verankert. Ich habe ein Symptom, ich habe ein Problem und deshalb gehe ich in die Apotheke. Wenn ich jedoch sage, dass ich gesund, jung, hübsch und sportlich sein und lange leben will, dann ist die Apotheke nicht mein erster Gedanke. Im Bereich der Prävention hat sich die Apotheke bisher kaum positioniert, obwohl sie gerade hier ihre Kernkompetenz ausbauen könnte.
Wie kann das aussehen?
Eine Rolle spielt das Angebot der Nahrungsergänzungsmittel. Multivitamin-Präparate sind wichtig, doch in Zukunft werden Longevity-Produkte an Bedeutung gewinnen. Das sind Präparate, die einen Nutzen versprechen. Das ist ein völlig anderer Ansatz als einen Vitaminmangel vorzubeugen. Auch Tests und Screenings gehören dazu. Es reicht jedoch nicht, die Produkte ins Regal zu stellen und Bluttests anzubieten. Man muss das auch leben und ein Konzept für die eigene Apotheke haben - mit Beratungsecken, Vorträgen, einem schönen Ambiente und ganz wichtig mit digitalen Angeboten und Kommunikation.
Um auf diesem Weg auch Jüngere in die Apotheke zu holen?
Je jünger die Menschen sind, umso mehr informieren sie sich über Social Media und konsumieren auch dort. Die direkte Bestellung aus Instagram heraus ist verlockend, gerade für die GenZ. Und für diese Zielgruppe braucht es auch eine andere Ansprache. Mit dem Begriff „Gesundheitsvorsorge” wird man diese Generation vermutlich nicht ansprechen, aber vielleicht mit „Stressmanagement”. Prävention und Longevity sind ein Riesenthema. Apotheken sind nicht nur kompetent, sondern dürfen auch Tests durchführen. Das ist ihre Chance und ein Wettbewerbsvorteil gegenüber Drogerien.
