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„Die Menschen wissen nur zu gut, was sie an ihrer Apotheke vor Ort haben“

Verena Bentele ist Präsidentin des Sozialverbandes VdK und vertritt die sozialpolitischen Interessen von 2,3 Millionen Mitgliedern. Im Interview mit dem NOWEDA-Mitgliedermagazin Spiegel spricht sie sich für mehr Kompetenzen der Apotheken aus und fordert, Apotheken als Orte für ausführliche Beratung und Arzneimitteltherapiesicherheit zu etablieren.

Die Anzahl der Apotheken hat einen neuen Tiefstand erreicht, 5.000 Hausarztpraxen sind laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung unbesetzt. Steuern wir auf eine Unterversorgung zu?

Verena Bentele: In vielen Gebieten ist die Unterversorgung bereits angekommen, und die Prognosen zeichnen ein noch düstereres Bild vor allem für ländliche Regionen. Es schließen nach wie vor Apotheken, und bis 2035 werden auch zahlreiche Hausarztpraxen altersbedingt und wegen Nachwuchsmangel schließen. Für viele Menschen wird es ein erhebliches Problem sein, wenn die medizinische Grundversorgung nicht mehr überall gewährleistet ist. Viele VdK-Mitglieder berichten uns bereits heute von Schwierigkeiten, Arzttermine zu erhalten oder weite Anfahrtswege zu Ärzten oder Apotheken in Kauf nehmen zu müssen. Wenn zwei wichtige Säulen unseres Gesundheitssystems, nämlich die wohnortnahe hausärztliche Versorgung und die Apotheken, zunehmend wegfallen, stellt das die Menschen vor große Probleme – vor allem, wenn keine alternativen Möglichkeiten für eine gute Versorgung aufgezeigt werden. Es ist deshalb von großer Bedeutung, dass bei allen Reformen des Gesundheitswesens die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten an erster Stelle stehen.

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Welche Bedeutung kommt der Vor-Ort-Apotheke zu?

Der persönliche, unkomplizierte Kontakt vor Ort ist gerade im Alter immens wichtig. Für ältere Menschen sind Apotheken oftmals die erste Anlaufstelle bei Fragen zur Medikation, aber auch bei Unsicherheiten im Gesundheitssystem. Sie erhalten dort nicht nur eine Beratung zu Wechsel- und Nebenwirkungen ihrer Arzneimittel, sondern schätzen Apothekerinnen und Apotheker als erste Ansprechpartner unter anderem während der Erkältungszeit, bei Hautproblemen oder allgemeinen gesundheitlichen Beschwerden. Die sinkende Zahl der Apotheken stellt viele, gerade auch Ältere, vor logistische und organisatorische Herausforderungen, besonders wenn die Mobilität eingeschränkt ist. Wir hören immer wieder von unseren Mitgliedern, dass sie auf gar keinen Fall auf den persönlichen Kontakt verzichten möchten. Die Menschen wissen nur zu gut, was sie an ihrer Apotheke vor Ort haben. Und gerade im Alter ist das persönliche Gespräch in der Apotheke unverzichtbar. Nehmen wir als Beispiel einmal geriatrische Patientinnen und Patienten. Sie sind aufgrund des altersbedingten Stoffwechsels viel anfälliger für arzneimittelbezogene Probleme. Die Hospitalisierungsraten aufgrund unerwünschter Arzneimittelwirkungen sind bei älteren etwa viermal höher als bei jüngeren Patienten.

Immer wieder ist bei der Gesundheitsversorgung von einem Stadt-Land-Gefälle die Rede. Wie stellt sich das aus VdK-Sicht dar?

Ich komme selbst aus einem kleinen Dorf am Bodensee, wo gerade die Hausarztpraxis geschlossen hat. Vor allem Ältere oder Menschen mit Behinderungen, die nicht einfach in ein Auto steigen und zu weiter entfernten Ärzten fahren können, machen sich jetzt große Sorgen. Viele VdK-Mitglieder erleben genau dieses Problem: Landärztinnen und -ärzte sind rar, Termine kaum zu bekommen und die Anfahrt oft sehr lang. Das ist alarmierend, denn eine flächendeckende Grundversorgung muss gewährleistet sein. Doch das Problem bei der Arztsuche besteht nicht nur im ländlichen Raum. Auch in Städten haben gesetzlich Versicherte Menschen zunehmend Schwierigkeiten, kurzfristige Arzttermine zu bekommen.

Auch das Apothekensterben ist gerade im ländlichen Raum ein Problem …

Es ist dramatisch, dass die Zahl der öffentlichen Apotheken bundesweit, aber besonders in ohnehin schon strukturschwachen Gebieten zurückgeht. Und es wird noch schlimmer werden: Der Fachkräftemangel, ein wachsendes Stadt-Land-Gefälle der Bevölkerung sowie die Abwanderung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in andere Beschäftigungszweige werden langfristig zu einer weiteren Verschlechterung der Bevölkerungsversorgung im Arzneimittelbereich und zu weniger Beratung führen.

Sie sprechen den Fachkräftemangel an. Viele Apotheken schließen, weil sie keinen Nachfolger finden.

Die Frage hier ist wie in vielen anderen Feldern auch: Woher den Nachwuchs nehmen? Eine Umfrage des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden hat bereits vor Jahren ergeben, dass das Pharmaziestudium offenbar unzureichend auf das selbständige Arbeiten in der Offizin vorbereitet. Lediglich 17 Prozent der Studierenden im Hauptstudium gab dies als Berufsziel an. Praxisorientierte Fortbildungsprogramme oder ein Mentoring durch erfahrene Apothekerinnen und Apotheker wären sicher Möglichkeiten, mehr Interesse bei den Studierenden hervorzurufen. Eine andere Möglichkeit wäre es, die Kompetenzen in der Apotheke zu erhöhen, um junge, gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten.

Sie haben sich bereits in der Vergangenheit für mehr Kompetenzen ausgesprochen. Was können und sollten Apotheken leisten?

Vieles von dem, was Apothekerinnen und Apotheker im Studium lernen, können sie in der Berufsrealität noch nicht vollständig anwenden. Dabei können sie weitaus mehr als Rezepte beliefern oder eine Salbe herstellen. Würden sie enger in die Arzneimitteltherapie eingebunden werden, könnten sie viel besser dazu beitragen, die Therapieziele zu erreichen, Wechselwirkungen von Arzneimitteln zu verhindern und unerwünschte Wirkungen zu vermeiden. Sie könnten zum Beispiel noch besser als bisher helfen, eine Über- oder Unterdosierung zu vermeiden. Zudem können sie den Erfolg einer Therapie engmaschig kontrollieren. Dazu wäre beispielsweise das Erstellen von Blutbildern oder die Bestimmung der Blutserumkonzentration nötig, aber auch einfache Adhärenz kontrollierende Maßnahmen, etwa die Befragung der Patienten, die Kontrolle über die Einlösung von Wiederholungsverordnungen und Unterstützungsangebote.

Die Gesundheitsministerin hat umfassende Reformen angekündigt. Was ist die Position des VdK?

Eine wesentliche Neuausrichtung der Apotheken sollte sich vor allem auf die erweiterten Aufgaben der Apothekerinnen und Apotheker fokussieren. Die Medizin entwickelt sich immer mehr hin zu einer personalisierten Behandlung, und die Apotheken vor Ort müssen diesen Wandel aktiv mitgestalten. Zwar bleibt die Medikamentenversorgung auch künftig ein Teil ihres Angebots, sie wird jedoch nicht mehr allein im Vordergrund stehen. Stattdessen sollten Apotheken stärker als Orte für ausführliche Beratung und zur Sicherstellung der Arzneimitteltherapiesicherheit etabliert werden. Ziel einer Reform müsste sein, dass es ganz selbstverständlich wird, regelmäßig Termine in der Apotheke wahrzunehmen, etwa zur Überprüfung der Medikation, zur Kontrolle des Therapieerfolgs oder zum Auffrischen von Impfungen. Dieses Modell, kombiniert mit einer patientenzentrierten Primärversorgung, würde die Patientinnen und Patienten deutlich entlasten und die Versorgungsqualität verbessern. Der VdK unterstützt außerdem die Ausweitung von Onlineberatungen, wenn sie den persönlichen Austausch nicht gänzlich ersetzen.

 

Verena Bentele ist Präsidentin des größten deutschen Sozialverbands VdK mit 2,3 Millionen Mitgliedern. Seit 2021 ist sie zudem Vize-Präsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Von 2014 bis 2018 war sie Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen.
Vor ihrer politischen Laufbahn war Verena Bentele erfolgreiche Leistungssportlerin im Langlauf und Biathlon und gewann unter anderem 12 x Gold bei den Paralympics und 4 x Gold bei den Weltmeisterschaften.