Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ist eigentlich eine Hochstaplerin. „Sonntag“ im Namen, samstags im Briefkasten, freitags gedruckt. Aktuelle Politik demnach maximal vom Freitag. Also uralt. Aber dick, viele Seiten. Doch mit so manchem Artikel aus der Tiefkühltruhe. Könnte auch nächste Woche erscheinen. Stoff für Leute, die sonntags viel Zeit zum Lesen haben. Aber die werden immer weniger. Und so schrumpfte die verkaufte Auflage denn von 260.000 Ende 2017 auf aktuell nur noch 172.000. Die Zukunft sieht nicht rosig aus.
Was also tun? Provokation geht immer. Wie im Artikel „Keiner braucht die Apotheken“. Erschienen in der Ausgabe vom 26. Oktober 2025. Ein „geiler“ Titel. Giftig. Provokant. Aufmerksamkeit garantiert. Aber ist es die auch wert?Denn ein Freund gesicherter Arzneimittelversorgung durch Apothekerinnen und Apotheker ist der Autor nicht.Dennoch sorgt er sich als erstes um deren Blutdruck.Der dürfte seiner Meinung nach steigen. Denn jetzt würden auch Handelsketten wie DM, Rossmann und Lidl planen, die deutschen Verbraucher mit rezeptfreien Arzneimitteln zu beliefern. Also noch mehr Versandhandel. Liest man da Schadenfreude heraus?
Das mit dem steigenden Blutdruck könnte allerdings stimmen. Aber eher aus Ärger darüber, dass die Politik immer noch nichts gegen das Apothekensterben tut. Viertausend Apotheken vom Markt gefegt. Und alle 18 Stunden eine weitere. Ist das verantwortungsvolle Gesundheitspolitik? Irgendetwas muss geschehen. Nicht einmal auf die Einhaltung der für Arzneimittel vorgeschriebenen Transporttemperaturen wird der Versandhandel flächendeckend kontrolliert. Ganz im Gegensatz zum Arzneimittelweg über den Pharmazeutischen Großhandel und die Apotheke vor Ort. Hier finden immer wieder Kontrollen statt. Wenn schon Konkurrenzkampf, dann bitte mit gleich langen Spießen. Auch zum Schutz der Patienten.
Soll der Staat die Gesundheit seiner Bürger schützen? Der Autor des Artikels ist nicht dafür. Er plädiert für den Verkauf von apothekenpflichtigen Schmerzmitteln wie Aspirin, Paracetamol und Ibuprofen im Supermarkt. „Bagatellpillen“ nennt er sie verniedlichend. Wohl so mal eben beim Einkauf in den Wagen damit. Menge egal. Aber das ist gefährlich. Ein missbräuchlicher Konsum dieser Medikamente macht zwar nicht abhängig. Doch er erzeugt Gewöhnungseffekte. Und damit die Gefahr, zu stärkeren Mitteln zu greifen. Amerika leidet seit Jahren unter der „Opioidkrise“. Mit Millionen Schmerzmittel-Abhängigen und hunderttausenden Toten auf Grund zu hoher Dosen. Ein Horrorszenario. Das nicht auf Europa überschwappen darf. Die Apotheke als Bollwerk. Noch.
Auch die „beschränkteren Öffnungszeiten“ der Apotheken – im Gegensatz zum Supermarkt – findet der Autor nicht gut. „Sieht man vom Notdienst ab“, meint er verschämt in einem Nebensatz. So ganz will er diese Leistung der Apotheken dann wohl doch nicht verschweigen. Denn Nacht für Nacht und außerhalb der normalen Öffnungszeiten haben jeweils mehr als tausend Apotheken in Deutschland geöffnet. Pro Jahr werden im Nacht- und Notdienst so über sieben Millionen hilfesuchende Patienten mit Arzneimitteln versorgt. „Beschränktere Öffnungszeiten“? Welch ein Unsinn. Apotheken sind Tag und Nacht geöffnet. Wie das Krankenhaus.
Kurios schließlich auch die Meinung des Verfassers zur Beratungskompetenz der Apotheken. Er hält sie schlicht für überflüssig. Der Arzt könne das besser. Er sei es ja, der mit dem Patienten ausführlich über den Wirkstoff und die Art der Einnahme spreche. Wirklich? Tut er das? „Anmaßend“ sei es sogar, wenn der Apotheker den Empfehlungen des Arztes widerspreche. Dabei ist genau das seine Pflicht. Widerspruch kann lebensrettend sein, wenn Bedenken bezüglich gefährlicher Wechselwirkungen bestehen. Es ist der Apotheker, der die Arzneimittelkompetenz besitzt. Die Patienten können darauf vertrauen. Tag und Nacht.
Als „Höhepunkt“ des Artikels in der Sonntagszeitung dann die unausgegorene Vision der Verfassers: Deutschland – Land ohne Apotheken. Mit vielen tausend Autos, die jedes einzelne Medikament zu jedem einzelnen Patienten nach Hause fahren. Umweltschutz? Nachhaltigkeit? Pünktlichkeit? Kosten? Kein Gedanke. Oder ist das schon Satire pur?
Bleibt die Frage an die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ – will sie nicht mehr ernst genommen werden? Denn wer einen solchen Artikel liest, könnte leicht zu einem falschen Schluss kommen:
„Die braucht wirklich keiner mehr.“
