Das Gesundheitssystem stößt zunehmend an seine Grenzen. Nicht zuletzt angesichts des demografischen Wandels sind neue Lösungswege dringend nötig. Warum Prävention und Digitalisierung Schlüsselthemen sind und welche Rolle Apotheken dabei spielen, darüber sprechen Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité, und Dr. Michael P. Kuck, Vorstandsvorsitzender der NOWEDA Apothekergenossenschaft im Doppelinterview mit der Zeitschrift my life.
Herr Prof. Kroemer, „Gesundheit neu denken“ ist das große Strategiethema der Charité. Worum geht es dabei?
Wir werden in den nächsten Jahren viele Veränderungen erleben. Insbesondere die massive Alterung der Bevölkerung wird dazu führen, dass sich die Anzahl der erkrankten Menschen deutlich erhöht. Gleichzeitig gehen viele Menschen aus dem Gesundheitsbereich in Rente und stoßen ebenfalls in diese Gruppe. Eine Entlastung des Gesundheitssystem kann nur stattfinden, wenn die Menschen weniger krank werden. Und deshalb führt an der Prävention kein Weg vorbei. Das bedeutet, wir müssen im Voraus darüber nachdenken, welche Erkrankungen auftreten könnten und wie man sie verhindern kann. Wir glauben daher, dass Prävention eine zentrale Aufgabe moderner Krankenhäuser sein wird. Das heißt, neben der Behandlung von Erkrankungen geht es künftig auch ganz aktiv um die Verhinderung von Erkrankungen.
Was verstehen Sie unter Prävention? Empfehlungen, wie sich mehr zu bewegen und gesund zu ernähren, gibt es ja schon lange.
In der Vergangenheit war das nur bedingt erfolgreich. In unserem Verständnis von Prävention schieben wir diese allgemeinen Gesundheitsempfehlungen ein Stück beiseite. Moderne Prävention basiert zum Beispiel auf Sensorik. Wenn jemand eine Smartwatch – oder ein anderes Wearable – am Handgelenk trägt, die den Puls misst oder den Blutdruck ständig überwacht, dann ist das eine präventive Maßnahme. Wenn man das mitbestimmten Analysen oder biologischen Proben kombiniert, zeichnet sich ein sehr individuelles Bild. Man kann also sehr individuell sagen, welche Maßnahmen für den Patienten oder Patientin präventiv möglich wären und präventiv effektiv sind. Wir gehen also weg von sicherlich sinnvollen Empfehlungen wie sich mehr zu bewegen, hin zu einer spezifischen und individuellen Vorbeugung. Wir glauben, dass das wesentlich effektiver ist.
Mehr Vorsorge soll nach dem Willen der Politik künftig auch in den Apotheken stattfinden. Wer sich etwa gegen Tetanus und FSME impfen lassen will, kann dazu einfach in die Vor-Ort-Apotheke gehen. Aber auch Blutabnahmen, verbunden mit Tests und Gesundheitschecks sind möglich. Herr Dr. Kuck, wie beurteilen Sie die neuen Leistungen?
Prävention ist ein wichtiges Zukunftsthema, von dem unser Gesundheitssystem insgesamt profitiert. Die Apotheken haben nicht nur die Kompetenz in der Gesundheitsvorsorge, sondern genießen auch das Vertrauen der Menschen. Diagnostik in der Apotheke hilft Menschen dabei, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen. Hinzu kommt, dass Apotheken niedrigschwellig erreichbar sind. Die Türen stehen für jeden offen. In Regionen mit Hausärztemangel sind Apotheken schon heute die erste Anlaufstelle für Gesundheitsfragen. Durch Beratungsangebote wie etwa zur Darmgesundheit und Ernährung leisten Apotheken bereits aktive Gesundheitsvorsorge. Durch die neuen Testmöglichkeiten haben sie die Chance, mehr Menschen zu erreichen.
Herr Prof. Kroemer, wo sehen Sie die Apotheke im Bereich Prävention?
Apotheken können zu einer zusätzlichen Facette werden. Es gibt ein flächendeckendes Apothekennetz, man muss also keine neue Struktur aufbauen. Hinzu kommt, dass Apotheken und die umliegenden Ärzte oft eng zusammenarbeiten. Es ist ein etabliertes System, und die Verzahnung zwischen Apotheken und Ärzten wird in Zukunft noch wichtiger werden. Wenn man in dieses Netz und System noch weitere Gesundheitsdaten implementiert, ist das aus meiner Sicht eine attraktive Kombination.
Stichwort Daten. Lässt sich Prävention durch Digitalisierung fördern und kann man damit mehr Menschen zu Gesundheitsvorsorge motivieren?
Prof. Kroemer: Ich glaube, dass das so ist. Insbesondere die Kombination von Digitalisierung und KI ermöglicht es, größere Menge an Gesundheitsinformationen über lange Zeiträume auszuwerten. So etwas gab es früher nicht. Es kann das ganze Gesundheitssystem endlich nach vorne bringen.
Dr. Kuck: Unsere Aufgabe ist es, Digital-Angebote zu schaffen, die für Menschen leicht zugänglich sind und die sie sinnvoll nutzen können. Über die App von IhreApotheken.de beispielsweise können Impf- und Testtermine ganz einfach in der Apotheke gebucht werden. Die Testergebnisse lassen sich in der App abrufen und können in der Apotheke besprochen werden. Dieser Service spricht Menschen an, die mehr für ihre Gesundheit tun möchten, aber auch diejenigen, die aus Zeit- oder Bequemlichkeitsgründen Vorsorgeangebote bislang wenig genutzt haben.
Telemedizin soll nach dem Willen der Bundesregierung künftig eine größere Rolle in der Gesundheitsversorgung spielen. Auch Apotheken sind als Standorte im Gespräch. Wie beurteilen Sie das?
Prof. Kroemer: Ich halte Telemedizin für einen integralen Teil der Digitalisierung und auch die Verwendung von KI. Wenn wir in Zukunft sehr viele ältere Menschen behandeln müssen, sind telemedizinische Möglichkeiten unausweichlich und haben meines Erachtens große Vorteile. So kann ein Arzt oder eine Ärztin sich digital in die Wohnung des Patienten begeben, um sich davon zu überzeugen, in welchem Allgemeinzustand er ist. Es ist vorstellbar, dass auch in Apotheken telemedizinische oder visuelle Beratung mit digitalen Instrumenten stattfinden. Man muss sehen, wie groß die Nachfrage ist.
Dr. Kuck: Grundsätzlich ist Telemedizin in den Apotheken gut aufgehoben. Die Strukturen sind vorhanden, es gibt die bewährten Kontakte zur Ärzteschaft und die Apothekenteams kennen ihre Kunden und Patienten gut. Als etablierter Versorgungsträger stehen Apotheken zudem für ein seriöses telemedizinisches Angebot. Aber sicherlich besteht nicht überall gleich viel Bedarf. In einer Großstadt mit einem breiten Ärzteangebot gibt es vermutlich weniger Nachfrage. Im ländlichen Raum mit einem ausgedünnten Ärztenetz hingegen kann das ganz anders aussehen.
Das Interview mit Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité und Dr. Michael Kuck, Vorstandsvorsitzender der NOWEDA, ist Teil einer „my life“-Sonderausgabe zum Thema Apotheken und Prävention.



