Zum zweiten Mal hat der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) Apotheken, OTC-Hersteller sowie Konsumentinnen und Konsument befragt, um herauszufinden, wie sich der Einfluss des E-Rezepts auf das OTC-Kaufverhalten im Laufe der Zeit verändert hat. Anja Klauke ist Geschäftsfeldleiterin Selbstmedikation des BPI.
In der Umfrage geben Konsumenten an, dass sie beim Einlösen des E-Rezepts keine weiteren OTC-Produkte kaufen. Die befragten Apotheken berichten das Gegenteil. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch?
Anja Klauke: Mehr als 80 Prozent der Apotheken sagen, dass sie zusätzlich zu einem verschreibungspflichtigen Arzneimittel auch ein OTC-Produkt an ihre Kunden abgeben. Die Realität scheint aber eine andere zu sein, auch wenn die Apotheken sicher gerne mehr verschreibungsfreie Medikamente verkaufen würden. Wunschdenken könnte also eine Rolle spielen. Hinzu kommt ihr Selbstverständnis als Heilberufler. Viele Apothekerinnen und Apotheker wollen sich nicht aufdrängen und haben eine Hemmschwelle, zu verkaufen. Dabei sind Rezepte ein guter Anlass, um ins Gespräch und in die Beratung zu kommen. Ein Beispiel sind Antibiotika. Hier bietet sich das Thema Darmgesundheit an.
Die Befragung hat aber auch ergeben, dass Konsumenten beim E-Rezept nicht unbedingt wegen der Beratung in die Vor-Ort Apotheke kommen …
Dennoch haben Apotheken über das Rezept die Riesenchance sich als Gesundheitsbegleiter zu präsentieren. Eine Beratung kann auch vorausschauend sein. Sie muss nicht immer in einem Verkauf münden, sondern eröffnet neue Möglichkeiten. Apotheken haben das Potenzial und das Vertrauen Gesundheitsdienstleister zu sein, gerade im Bereich Prävention.
Das Haus nicht verlassen zu müssen, ist der Hauptgrund, warum Menschen ihr E-Rezept beim Online-Versender einlösen. Auch das ist ein Ergebnis. Was bedeutet das für die Apotheken?
Auf diesen Bequemlichkeitsfaktor müssen sie mit eigenen Digitallösungen und Botendiensten reagieren. Viele Apotheken bieten das auch an. Ich persönlich vermute aber, dass das die Patienten oft nicht wissen. Die Apotheken müssten also viel deutlicher und plakativer auf diese Leistungen hinweisen.
Ist das grundsätzlich ein Problem, dass viele Menschen gar nicht wissen, was die Apotheke um die Ecke alles bietet?
Das trifft für einige sicher zu, weshalb die Marke „Apotheke” unbedingt gestärkt werden muss. Jeder sollte wissen, was eine Apotheke bietet und leistet. Denn die lapidare Aussage, was die Apotheken können, können andere auch, stimmt einfach nicht. Das wird beim Managen von Lieferengpässen besonders deutlich. Hinzu kommt, dass wir bereits jetzt eine ärztliche Unterversorgung in einigen Gebieten haben. Nur die Apotheke in der Fläche kann die Gesundheitsversorgung sicherstellen und dafür sorgen, dass es kein soziales und räumliches Ungleichgewicht gibt. Weder Drogerien noch Versandapotheken können oder wollen das leisten. Aber sie bedrohen das bestehende Apothekennetz. Und daher muss man ganz klar sagen: Ist das System erst einmal zusammengebrochen, kann man es nicht wieder aufbauen.
