Kontakt

Sparen á la „IKK classic“

Es gab eine Zeit, die ist erst ein paar Monate her. Da wehte frischer Wind in einem spannenden Wahlkampf. Da gab es Versprechungen. „Make Germany great again!“ Da dachte man, jetzt wird alles anders. Besser. Schneller. Zukunftsfähiger. Wenn erst die neue Regierung dran ist. Sie hat es versprochen. Schluss mit Koalitionsgezänk. Schluss mit Bremsen. Schluss mit Bürokratie. Zurück zu den Wurzeln vernünftiger Politik. Dachte man.

Die ersten einhundert Tage Regierungszeit sind um. Die Schonzeit ist vorbei. Erste Erfolge sind sichtbar. Hier ein bisschen und da ein bisschen. Etwa in der Migrationspolitik. Aber auch Chaotisches. Der Kampf um die Senkung der Stromkosten für alle – ein Trauerspiel. Das wirtschaftsfeindliche „Lieferkettengesetz“ – immer noch nicht im Papierkorb. Die höchst umstrittene „Krankenhausreform“ – keine Reform der Reform. Und ein Haushalt, in dem es überall an Geld fehlt. Trotz der riesigen Geldströme aus Steuereinnahmen und Schuldenaufnahmen.

Eigentlich hätten wir es wissen müssen. Die Party ist vorbei. Jetzt kommt die Ernüchterung. Es muss gespart werden. Sagt der Finanzminister. Was bietet sich da mehr an als das Gesundheitswesen? Das kann sich nicht wehren. Doch wo sparen bei den Patienten? Es ist die Gesundheitsversorgung  einer immer älter werdenden Gesellschaft, die die Patientenversorgung von Jahr zu Jahr teurer macht. Und der medizinische Fortschritt.Bei medizinischen Geräten, bei neuen Arzneimitteln, bei modernen Behandlungsmethoden. Nur wenn wir auf die bestmögliche Behandlung für alle verzichten, wird’s billiger. Bisher ist das für die Politik (noch) kein Thema. Für die Gesetzlichen Krankenkassen schon.

Dabei wird die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nicht von den Kassen bezahlt. Es sind die Beiträge der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber, die das Gesundheitssystem am Laufen halten. Diese Beiträge – so will es die Politik –  sollen allerdings möglichst stabil bleiben. Bei steigenden Gesundheitskosten kann das nicht funktionieren. Insbesondere wenn die Politik den Krankenkassen immer neue versicherungsfremde Leistungen aufbürdet. Und sie nicht ausreichend durch Zuschüsse aus Steuermitteln finanziert. Also drohen rote Zahlen.

Nun ist es den 94 gesetzlichen Krankenkassen ja erlaubt, Zusatzbeiträge von den Mitgliedern zu fordern. Die müssen die Mitglieder alleine tragen. Mit der Gefahr, dass sie abwandern zu einer Kasse mit niedrigeren Beiträgen. Das nennt man Wettbewerb. Den aber lieben die Kassen überhaupt nicht. Also Einkaufspreise drücken. Leistungen abbauen. Sparen eben.

Wie „Sparen“ nach Krankenkassenart dann aussieht, konnte man in den letzten Wochen buchstäblich „hautnah“ beobachten. Die „IKK classic“ mit knapp drei Millionen Versicherten und die „AOK Nordost“ mit 1,6 Millionen Versicherten machten den Vorreiter. Und suchten sich zum Sparen unter anderem ausgerechnet eine ziemlich belastete Patientengruppe aus – chronisch Kranke, die auf apothekenübliche Hilfsmittel angewiesen sind, etwa Spritzen, Pens, Inhalationsgeräte, Kompressionshilfsmittel und bestimmte Inkontinenzhilfen. Sie wurden bisher von den Apotheken versorgt. Denen legte die „IKK classic“ einen neuen Vertrag für die Lieferung bestimmter Hilfsmittel inklusive vorgegebener Produkte vor. Allerdings zu Preisen, zu denen eine ordnungsgemäße Belieferung und Betreuung durch die Apotheken nicht mehr möglich war. Die mussten passen. Und zehntausende Patienten hatten plötzlich für einige Produktgruppen keinen Anlaufpunkt mehr.

Der unzumutbare Liefervertrag soll wohl die Hilfsmittelversorgung umkrempeln. Neue billige Lieferanten erschließen. Weg von den wohnort- und patientennahen Apotheken hin zu wohnort- und patientenfernen Großversendern. Die können ihre Kostenvorteile nur durch große Versandmengen und automatisierte Belieferungen erzielen. Anders als die Apotheken, die bei der Patientenversorgung auch die persönlichen, zeitlichen und räumlichen Engpässe im Umfeld der Patienten berücksichtigen. Damit wird jetzt Schluss sein. Es sei denn, die IKK classic (und Nachahmer-Kassen) lenken ein. Kaum vorstellbar.

„Suchen Sie sich einen neuen Lieferanten“ schrieb die IKK classic sinngemäß ihren Versicherten. Schroff, wenig patientenfreundlich, ohne Empathie. Vielleicht sollte man sich als chronisch kranker Mensch lieber eine andere Krankenkasse suchen. Eine, die in fairer Zusammenarbeit mit den Apotheken immer noch eine gute wohnortnahe und persönliche Versorgung ihrer Versicherten garantiert. Denn nicht alle Krankenkassen müssen so drastisch sparen.

Doch seien wir gewarnt. Denn das war nur der Anfang.