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Versandhandel – von wegen heile Welt

Die KI – die Künstliche Intelligenz – kann vieles. Aber sie kann nicht einen realen Gegenstand von einem Ort zu einem anderen „beamen“.  Maschinen, Menschen und Motoren braucht man immer noch dazu – die Logistikkette. Sie ist das Herzstück des Versandhandels. Doch je weiter die Entfernungen, desto höher das Risiko von Störungen in der Lieferkette. Desto größer auch der Ausstoss an umweltschädlichen Stoffen. Versandhandel in allen Formen ist weder klima-, noch verkehrs-, noch umweltfreundlich.

Doch es passiert noch mehr. Versandhandel zerstört den Einzelhandel, verödet die Innenstädte, macht sie unwirtlich und unattraktiv für soziales Leben.  Im Versandhandel mit  Bekleidungerzeugen die Retouren unendliche Müllberge. Die landen schließlich in Chiles Atacamawüste. Hinzu kommt die Gefahr von Abhängigkeiten. Von einzelnen Herstellern, von anderen Ländern, von fernen Erdteilen. Nicht schlimm, wenn es sich um Kleidung handelt. Aber gefährlich, wenn es um die Verteidigungsfähigkeit des Landes oder die gesicherte Arzneimittelversorgung geht.

Ex-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte diese Bedenken nicht. Vor zwei Jahrzehnten genehmigte sie den Versandhandel mit Arzneimitteln. Der traf die wohnortnahe Arzneimittelversorgung hart. Viertausend patientennahe Apotheken wurden aus dem Markt gefegt. Besonders auf dem Land wurden die Wege zur nächsten Apotheke weit und weiter. In der Pro-Kopf-Versorgung der Bevölkerungmit Apotheken rutschte Deutschland ab auf einen der hinteren Plätze in Europa. Interessiert das den Verbraucher? Eher nicht. Warum auch? Er nutzt den Spielraum, den ihm die Politik gibt.

Die Gesundheitspolitik sah dem Absturz tatenlos, ja wohlwollend zu. Jetzt mischen neue Unternehmen den Arzneiversandhandel auf – die Drogeriemärkte „dm“ und „Rossmann“. Auch sie wollen ein Stück vom Arzneimittelkuchen haben. Im Geschäftsbericht  von Rossmann ist viel von Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltbewusstsein und sozialer Verantwortung die Rede. Für die Arzneimittellieferungen baut Rossmann neue Lager- und Logistikstrukturen in Holland auf. So lassen sich die strengen Kontrollen der deutschen Arzneimittelaufsicht umgehen.

Pikant am Rande – der Gründer des wachstumsstarken Unternehmens, Dirk Rossmann, ist nicht nur erfolgreicher Unternehmer. In den Regalen seiner über 2.300 Filialen steht auch die „Octopus“-Buchreihe über die Gefährdung der Welt durch Klimakatastrophen und Umweltverschmutzung. Zum Glück klappt das nicht. Alles wird gut. Die Bücher hat Rossmann selbst geschrieben, zumindest mitverfasst. Ein Leitfaden für die Unternehmenspolitik?

Doch als Unternehmen Klima und Umwelt schützen und sozial engagiert sein ist die eine Sache. Die andere Sache ist die Unternehmensstrategie – „Wachsen oder Weichen“. Wer in neue Geschäftsfelder wie den Versandhandel mit Arzneimitteln einsteigt, tritt auch immer ein in die Geschichte dieser Branche und ihrer Kämpfe auf dem ökonomischen Schlachtfeld. Da sind die Apotheken einmal mehr die Verlierer. Denn das Apothekensterben wird durch den Eintritt neuer Spieler in diesen Markt weiter befeuert. Doch man will ja Erfolg. So wird man mit dem Eintritt auch seinen Teil an sozialer Verantwortung für das Ausbluten der patientennahen Arzneimittelversorgung übernehmen müssen.

Im übrigen wird in letzter Zeit viel vom Krieg geredet. Und wie man sich darauf vorbereiten muss. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat der „Welt am Sonntag“ dazu ein Interview gegeben. „Wir können nicht alles dauerhaft aufrechterhalten, was man im Normalfall nicht braucht. Wir werden keine zusätzlichen Krankenhäuser bauen, die leer stehen. Wir werden nicht neue Fabriken bauen für Produkte, die man vielleicht braucht…“. Stattdessen will man besser kommunizieren, Lieferketten optimieren und Abhängigkeiten minimieren.  Aber dafür musss Geld her – viel Geld. Deshalb Warkens wichtigstes Projekt nach ihren Worten – Beitragsstabilität durch ein Sparpaket im Gesundheitswesen. „Alle werden einen Beitrag leisten müssen“.

Das hört sich nicht nach Stärkung der bestehenden Strukturen im Gesundheitswesen an. Vielmehr alles wie gehabt. Arzneiversandhandel gegen die akutversorgenden Vor-Ort-Apotheken. Den Vorschlag des Bundesrates, die Versender aus dem Ausland wenigstens einer besseren Kontrolle zu unterwerfen, lehnte Gesundheitsministerin Warken ab. Alles sei geregelt.

Wenig Licht am Horizont.