„Jetzt noch schnell in die Apotheke“ – das ist der Gedanke der meisten Patientinnen und Patienten, nachdem sie die Arztpraxis verlassen haben. Allerdings wird der schnelle und selbstverständliche Besuch in der Apotheke in immer mehr Städten und Gemeinden zur Herausforderung. Allein in den vergangenen 10 Jahren schlossen etwa 3 500 Apotheken bundesweit. Ihre Gesamtzahl ist mittlerweile auf rund 16 600 Betriebsstätten gesunken. Eine neue Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen hat sich mit dem Thema – insbesondere vor dem Hintergrund der gesetzlich festgeschriebenen „Sicherstellung einer ordnungsgemäßen Versorgung“ – wissenschaftlich auseinandergesetzt. Die Studie wurde vom Apothekerverband Westfalen-Lippe und Deutschlands größter Apothekergenossenschaft NOWEDA unterstützt.
Weite Wege in die Apotheke: Auf dem Land ist das schon heute der Normalfall. Dabei schreibt das Apothekengesetz (ApoG) vor, dass „[d]en Apotheken […] die im öffentlichen Interesse gebotene Sicherstellung einer ordnungsgemäßen Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln“ obliegt. Allerdings ist im Gesetz nicht genauer definiert, wie viele Apotheken pro Gemeinde oder Einwohnerzahl erforderlich sind, um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern.
Das Forscherteam rund um Professor Dr. Georg Götz der Uni Gießen hat daher einen Vergleich mit einem weiteren regulatorischen Rahmenwerk zur Sicherstellung der Daseinsvorsorge gezogen – dem Postgesetz (PostG): „In allen Gemeinden […] mit mehr als 2 000 Einwohnern muss ein Universaldienstanbieter mindestens eine Universaldienstfiliale betreiben“. Der unmittelbare Vergleich stellt die Lücken im Apothekennetz anschaulich und schonungslos dar: In 911 Gemeinden mit mehr als 2 000 Einwohnern gibt es mittlerweile keine Apotheke mehr. Das entspricht ca. 8,38 % aller Gemeinden und umfasst insgesamt 2 723 125 Einwohner bzw. rund 3,3 % der Bevölkerung.
„Dass der Staat sich darum kümmert, den Bürgern Postdienstleistungen auch in kleinen Orten zu ermöglichen, ist wichtig und löblich. Grob fahrlässig ist es dagegen, dass man dem ungebremsten Apothekensterben der vergangenen Jahre zugesehen hat, ohne nachhaltige Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stärkung zu verabschieden“, so NOWEDA-Chef Dr. Michael Kuck. „Apotheken werden in Notfällen rund um die Uhr gebraucht. Hinzu kommt: Gerade in kleinen Gemeinden, in denen es bis zur nächsten Arztpraxis weit ist, übernehmen sie immer mehr Gesundheitsleistungen und sichern so die Versorgung. Wie kann man von Daseinsfürsorge sprechen, wenn vor allem die Menschen auf der Strecke bleiben, die auf diese Fürsorge der Apotheken in ihrer unmittelbaren Nähe zwingend angewiesen sind, etwa weil sie nicht mobil genug sind?“, ergänzt Thomas Rochell, Vorstandsvorsitzender des Apothekenverbands Westfalen-Lippe.
Auch Gemeinden mit weniger als 2 000 Einwohnern wurden von den Gießener Wissenschaftlern untersucht. Wenig überraschend: 5 508 Orte müssen ebenfalls ohne Apotheke auskommen – das betrifft weitere 4,1 Mio. Menschen, die sich an Apotheken in Nachbargemeinden wenden müssen. Für sie sind die Wege zur nächsten Apotheke schon jetzt sehr weit. Spitzt sich in diesen Regionen die Situation weiter zu, kann von einer flächendeckenden und gerechten Gesundheitsversorgung nicht mehr die Rede sein.
